You are currently viewing Taubenschlag im Ahorn – eine Stadtgeschichte
Sie ist kaum zu sehen, nur der Schwanz der Taube ragt über das Nest.

Von Nestern, Geräuschen und ein bisschen Zuversicht

Im Spätsommer vor drei Jahren nistete ein Taubenpaar im Ahorn neben meinem Balkon. Raschelnd vor Eifer zupften die beiden am Geäst und flochten es zu einem Nest. Ich deutete ihre Betriebsamkeit als freudige Aufregung. Vielleicht war es ihr erstes Nest, ihr erstes Elternsein – ein bisschen Vorfreude, ein bisschen Ungewissheit.

Dann kam das Gewitter. Ich stand am Fenster, die Blitze warfen Schatten ins Zimmer und ich machte mir Sorgen um das Paar. Am nächsten Morgen lag das Nest auf der Hecke, zwei Eier daneben, beide zerbrochen, blank wie ausgewaschen.

Etwas fehlte seither. Ich vermisste die glänzenden Federkleider, die ich durch das dichte Blattwerk beobachtet hatte. 

Und nun dies: Als ich letzte Woche von der Arbeit nach Hause kam, erzählte mir meine Tochter, dass ein aufgeregtes Taubenpaar im Garten Bäume begutachtet habe. Es sei hin und her geflogen, erst zu dritt, laut gurrend und einander hinterher jagend.

Es muss sich wohl um das Balzritual gehandelt haben, bei dem sich das Weibchen für ihren künftigen Lebensgefährten entschieden hat. Die beiden hätten sich nach dem Gezeter gepaart und sich flügelschlagend auf unserem Ahorn niedergelassen.

Ich wusste sofort, was sie mit flügelschlagend meinte. Der Klang ist nicht derselbe wie jener in der Innenstadt, wenn Kinder eine Schar Tauben aufscheuchen, die sich um die Brotsamen der Touristen gezankt hatten. Dieser hier ist leiser, aber bestimmter, und kürzer. Vielleicht intimer.

Hat man ihn einmal gehört, erkennt man ihn sofort wieder. Man hört ihn selten genug, bisher ist er mir nur beim Nestbau in dieser Art aufgefallen.

Seit das neue Taubenpaar in unserem Baum sass, ging ich öfter auf den Balkon. Einmal meinte ich, beide wären ausgeflogen, doch als ich das nächste Mal wieder hinsah, entdeckte ich den Schwanz, der über das Nest hinausragte. 

Noch etwas verbindet mich mit den Tauben und das fing nach meinem Umzug in die Stadt so an: 

«Gu-ruuu gu gu-ruuu gu».
Ah, wie schön, es gibt Vögel in der Stadt.
«Gu-ruuu gu gu-ruuu gu».
Du bist auch heute da, gut-gut.
«Gu-ruuu gu gu-ruuu gu».
Schon wieder?

Tauben gurren ständig. Sie locken, werben, markieren ihr Revier. Sie führen Beziehungen, in denen Kommunikation entscheidend ist – wie bei uns. Laut einem Sachbuch bleiben Paare ein Leben lang zusammen. Wie viele Menschenpaare auch – wobei man sagen muss: Ein Taubenleben dauert meist nur zehn, manchmal fünfzehn Jahre.

Vielleicht sollten wir diese Zeitspanne als Masseinheit für unsere Beziehungen nehmen. Dann könnten wir uns womöglich mit weniger Gewissensbissen trennen.

Irgendwann habe ich das Gurren nicht mehr wahrgenommen. Es wurde zum Klangteppich meines Alltags. Erst neulich spitzte ich wieder bewusst die Ohren – und war erleichtert. Es gibt sie noch.

Im Nest aber, so scheint mir, schweigen die Tauben. Oder sie gurren leiser, heimlicher. Vielleicht schützen sie damit den Nachwuchs.

Auch letzthin entdecke den Federschopf, der übers Nest hinausragt. Wie lange brüten die wohl?

Bei der Recherche erfuhr ich, dass es rund 18 Tage, also fast drei Wochen sind. Männlein und Weiblein teilen sich die Brutarbeit: mal sitzt er, mal sie. Mal füttert sie, mal er. Und was lernen wir daraus?

Nichts. Denn das Nest ist fort.

Vorhin stand ich wieder da, suchte mit den Augen den vertrauten Ast. Wollte den Taubenschwanz erspähen.

Aber ich fand ihn nicht. Nicht das Nest. Nicht den Ast.

Nur helle, frische Schnittstellen im Geäst.

Der Ast war abgesägt worden. Vom Gärtner, wie ich vermute, doch der muss doch wissen, dass man das während der Brutzeit nicht darf, dass es verboten ist, Nester zu zerstören, selbst wenn man sie nur aus Versehen entfernt.

Wer tut so etwas? Und warum?

Weil man das Gurren nicht hören will.
Wegen des Kots am Geländer.
Weil man Kontrolle behalten will? Über den Garten. Das Treppenhaus. Die Waschküche. Die Wohnung der anderen? 

Es sind bloss Vermutungen, die aufgrund von Beobachtungen in mir keimen. Ich werde nachfragen. Bei Gelegenheit. Ich habe es mir vorgenommen.