- Beim Flusswandern Atem holen
- Auf dem Serio von Bergamo nach Crema
- Übersichtskarte mit Einwasserung und Zeltplätzen
Vergessen und wunderschön: Auf dem Fluss Serio halten wir Zwiesprache mit Bachforellen, Biberratten und Geistern, die seit dem letzten Unwetter in den Bäumen hausen.
Flusswandern. Als Jürg das Wort zum ersten Mal sagte, wusste ich nicht, ob er sich versprochen hatte. Doch die Vorstellung liess mich nicht mehr los: Stand-up-Paddeln auf einem mäandrierenden Fluss, das Zelt am Ufer, ein Feuer und darüber ein Würstchen.
Es war eine Idee zwischen Abenteuer und Achtsamkeit. Und so machten wir uns auf nach Norditalien. Doch als die Wetterprognosen schlechter wurden, tauschten wir den gut dokumentierten Piave, der aus den Dolomiten durch Venetien Richtung Adria fliesst, gegen den Serio. Wenig bekannt, kaum erschlossen, voller Versprechen.
Einstieg in Seriate bei Bergamo
Die Reise beginnt mit einem Zaun. In Seriate, wenige Kilometer oberhalb von Bergamo, will uns ein missmutiger Sportplatzwart vom Klettern über einen Zaun zum Ufer des Serio abhalten. Wir beruhigen ihn und er zieht schmollend ab.
Dann hieven wir die unsäglich schweren Rucksäcke mit den verpackten SUPs, Zelt und Proviant über den Zaun. Ein Ehepaar beobachtet uns vom Balkon eines Wohnhauses demonstrativ, vielleicht. Erst deute ich es als Misstrauen, doch möglicherweise war bloss Neugier. Es ist über 30 Grad heiss, der Schweiss tropft und die Sirenen zerreissen die Mittagshitze. Hat das Paar doch noch die Polizei gerufen? Wir sind ehrlich gesagt froh, als das Geräusch irgendwann wieder abflaut. Der ganze Nervenkitzel umsonst.
Doch der Serio ist uns wohlgesonnen. Der Wasserstand: ideal. Die Schwellen: Für Anfängerin Blanca herausfordernd, für Crack Jürg ein Klacks. Die Temperatur: angenehm, das Wasser gänsehautkühl. Es schimmerte grünlich, im Staubereich ein Spiegel der Welt, einladend.
Von Beginn weg schlängelt sich der Serio zwischen dichten Weiden, Schotterinseln und Brücken aus Natur- und Backsteinen durch die Landschaft.
In regelmässigen Abständen plätschert das Wasser über kleine Kaskaden von Laufwasserkraftwerken und anderen Stauwehren. Manche sind befahrbar, andere umtragen wir.
Es ist noch nicht fünf, aber ich bin hundemüde. Die Anfahrt, die Suche nach einem geeigneten Zugang zum Fluss und der Nervenkitzel beim Zaun fordern ihren Tribut. Als wir bei Bergamo ein Naherholungsgebiet entdecken, überrede ich Jürg zu einer Pause, und dazu, das Zelt aufzustellen.
Um uns nichts als Sandbank, Naturwiese und ein Saum von Bäumen. Ein Jogger läuft vorbei, weiter hinten ein Spaziergänger, keine Badenden, trotz Tropenhitze. Die Italiener scheinen ihre Flüsse noch nicht als Spielplatz entdeckt zu haben.
Wild Campen in Bergamo
Plötzlich realisieren wir: Wir befinden uns mitten in der Anflugschneise des Flughafens Bergamo Milano.
Die Flugzeuge fliegen tief über uns hinweg. Ihr sonores Brummen nimmt uns mit, versetzt uns in eine andere Welt. Sie wirken wie gutmütige, fliegende Drachen. Man glaubt, hinter den kleinen Fenstern Gesichter zu erahnen. Ein seltenes Schauspiel.
Eine lateinamerikanische Familie teilt mit uns die Glut ihres mitgebrachten Grills. Eine Gruppe muslimischer Frauen tanzt im Schatten der Bäume, Kopftücher im Wind, Musik, die betörend wirkt. Ein flüchtiger Moment von Nähe.
Faszination Flusswandern
Die nächsten Tage führen uns tief in die Faszination Flusswandern: Pflanzen und Tiere begleiten uns. Fische, gross wie Katzen. Ab und zu ein Fliegenfischer, der im schenkeltiefen Wasser steht, die Rute durch die Luft schwingt und uns ein wenig böse ansieht, weil wir womöglich seine Beute verscheuchen. Enten mit und ohne Nachwuchs kreuzen unseren Weg.
Doch dann das Aussergewöhnliche. Wir entdecken Biberratten, die wir zunächst für Biber halten. Sie schwimmen vor uns her, tauchen ab, kehren zurück. Der Nachwuchs spielt putzig am Ufer. Doch ihre Schwänze sind schmal, der Biberbau fehlt. Stattdessen verschwinden sie in einfachen Erdlöchern.
Wie sie so neben uns her schwimmen, fürchte ich mich vor einem gezielten Biberrattenbiss ins SUP. Oder ich stelle sie mir als kleine Diebe vor, die wie junge Füchse Nachts unsere Schuhe klauen.
Wie man richtig flusswandert
Aber Jürg hat schon recht. Mich ermüdet das Balancieren auf dem SUP, das Lesen des Wasserlaufes, das dauernde Einschätzen, wohin man am besten navigiert, um die ideale Linie zu fahren.
Dort, wo das Wasser glatt ist, wäre es mir am wohlsten. Doch das bedeutet Stillstand, weil der Fluss dort nicht zieht. Also raus aus dem sogenannten Rückwasser, hinein in die Hauptströmung. Das erfordert anfangs etwas Mut.
Die Hauptströmung findet man meist in der Aussenkurve, doch dort versperren nicht selten abgeknickte Bäume den Weg. Einmal klemmt sich Jürgs SUP bei einem Manöver zwischen Fluss und Baum ein.
Er verliert das Gleichgewicht und landet im Wasser. Sein Mantra: Paddel festhalten! Damit es nicht buchstäblich den Bach runtergeht. Doch statt des Paddels hält er sich mit sicherem Griff an einem Ast fest. Er bemerkt es, hechtet dem Paddel nach und bekommt es bei der nächsten Stromschnelle zu fassen. Heute lachen wir darüber. «Immerhin war mein Gepäck gut festgezurrt», sagt Jürg.
Fortschritt auf dem SUP
Inzwischen habe ich gelernt, die Kehrwasserlinie zu meiden. Denn dort, wo Brems- und Ziehwasser am SUP zerren, bin ich schon oft gefallen.
Vor einer Schwelle paddle ich heute beherzt. Ich gebe mich nicht mehr der Strömung hin, um unkontrolliert über die Wellen zu schaukeln. Auf dem Serio habe ich auch gelernt, bei Untiefen zu treideln, also das SUP wie einen Hund an der Leine zu führen.
Wir verbringen noch zwei weitere Nächte auf Sandbänken. Der Serio bietet genügend Platz, um sich zu verlieren. In den heissen Mittagsstunden suchen wir die Nähe zu kleinen Dörfern wie Ghisalba.
Dort kaufen wir Proviant: Salami in allen Variationen. Chips sind eine gute Alternative zu Brot, das wir nicht sonderlich mögen. Dazu Käse, Früchte, Tomaten, manchmal einen Salat. Wir lassen uns auf einer schattigen Bank nieder. Oder strecken uns unter Bäumen aus.
Kreuzspinne und Silberreiher
Mit der tiefliegenden Sonne kehren wir auf den Fluss zurück. Im sanften Abendlicht erwachen auch die Tiere aus der Siesta.
Eine Kürbis-Kreuzspinne benutzt mich als Wassertaxi. Ihre Farbe erinnert an ein Neon-Stirnband aus den 80ern, und genauso aufmüpfig ist sie. Obwohl ich sie nach der Landung wegscheuche, werde ich sie nicht los. Erst ein Stein beendet das Hin und Her. Heute tut es mir leid.
Ein Silberreiher schwingt sich aus dem Geäst, das Federkleid weiss wie aus einer Persil-Werbung. Kühe mit Dalmatiner-Fell sehen uns beim Vorüberziehen zu. Aus dem Wasser ragen Baumskelette, als hätten sich Wale verirrt.
An den Bäumen hängen Plastikreste, zerfetzte Kleidung und sogar eine matte Matratze. Diese Zeugen des Hochwassers 2024 erinnern mich an Gespenster. Wie sie an uns vorbeiziehen, wird mir flau im Magen. Der Serio erzählt Geschichten, wenn man sie hören will.
«Sag mal, worüber haben wir uns eigentlich unterhalten, während wir paddelten?», frage ich Jürg.
«Wir waren in Gedanken», meint er. Er hält einen Moment inne.
«Und ich fragte mich ständig, was das 4D-Kino wohl nach der nächsten Biegung zu bieten hat.»
Tipps und Links
- Flusswanderer Stephan Monitzer befährt Flüsse in ganz Europa mit dem Wanderboot und dokumentiert die Reisen im kostenlosen Kanuführer. Dort findet man viele gut beschriebene Flusswanderungen.
- Die Flussschwierigkeit ist ein einer Internationalen Skala festgehalten. Stufe I und II eignen sich aus unserer Erfahrung für Flusswandern mit dem SUP.
- Einstiegsstelle: Flughafen Bergamo Milano, Bushaltestelle Grassobbio viale Matteotti 26
- Ausstiegsstelle: Zauberhaftes Städtchen Crema, das für seine ausgefallenen Gelato-Gusti bekannt ist. Kleines Detail am Rande: Im Städtchen wurden einige Szenen der zauberhaften Romanze «Call Me by Your Name» gedreht, dessen Drehbuch 2018 bei den Oscars ausgezeichnet wurde.
Einstiegsstellen, Plätze zum Wildcampen und Ausstiegsstelle