You are currently viewing Ein Luzerner Dorf namens «Gonzbu»
Foto: Gerda Grossmann

Letzthin fragte mich jemand, wo ich aufgewachsen sei. Spontan sagte ich: «Ich komme aus Sursee.» Im selben Moment wurde mir bewusst, dass ich nicht ganz ehrlich war. Ich war in einem kleinen Nachbardorf von Sursee aufgewachsen: Gunzwil. Weil ich keine Zeit oder keine Geduld hatte zu erklären, wo mein wirkliches Heimatdorf Gunzwil liegt, war ich nicht präziser geworden. Denn Gunzwil ist etwa so unbekannt wie Horbode im Diemtigtal, bevor Kilian Wenger Schwingerkönig wurde.

Das Mittelalterstädtchen Sursee am Sempachersee hingegen ist wegen seiner gut beschrifteten Autobahnausfahrt und wegen eines auffälligen, bordeauxroten Gebäudes direkt an der Autobahn, von dessen Fassade weisse Lettern und das Signet einer Billig-Ladenkette leuchten, ein wenig bekannter als mein Heimatdorf.

Als gebürtige Luzernerin hätte ich bei der Erwähnung meiner Herkunft sowieso «Sorsi» und nicht Sursee sagen sollen, aber dann wäre die Verwirrung noch grösser gewesen. Beim Wort «Sorsi» mag ein Auswärtiger an vieles denken, doch wohl kaum an eine Ortschaft.

Wenn die Frage nach meiner Herkunft im Laufe eines Abends fällt, an dem Fremde zu Freunden werden, antworte ich freimütiger. Ich stamme aus «Gonzbu», sage ich dann und warte auf die Reaktionen. Meist folgt ein Schweigen, in dessen Stille man die Gehirnrädchen drehen hört. Wo um Himmelswillen dieses Dorf denn liege, folgt nach dem Geknatter. Na ja, «Gonzbu» liegt neben «Reckebach» und «Möischter», antworte ich dann amüsiert, im Wissen darum, dass dies mehr Verwirrung als Klärung stiftet. Wir trinken dann meist noch ein wenig Wein und ich muss dann ganz viele Ortsnamen aufsagen. «Böiu», «Chottu», «Äbersecke» …

Dass Ortsnamen von den Bewohnern anders ausgesprochen werden, als auf den Ortstafeln steht, ist im Kanton Luzern besonders verbreitet. «Schöpfe» sagt man für Schüpfheim, «Hoftere» für Hochdorf oder «Rusmu» für Ruswil. Aber natürlich gibt’s das auch in anderen Landesteilen. Gerade die Berner mögen es, Kosenamen zu verteilen. Haben Sie gewusst, dass Kehrsatz «Chäsitz» genannt wird? Aus dem Breitenrain wird der «Breitsch» und aus der der Dreifaltigkeitskirche die «Dreif», nur die Lorraine bleibt die Lorraine.

Oh, und dann wäre da noch Samedan! Ich reiste nämlich kürzlich ins wunderbare Oberengadiner Berg- und Bildungsdorf. Auch sein Name verwirrte meine grauen Hirnzellen, bevor mich jemand aufklärte.

Meine Freundin, ein Stammgast von Samedan, wünschte mir eine gute Reise nach …, – nein nicht nach Samedan, sondern nach «Samaden»! Ich merkte mir die Aussprache, weil ich mich ja nicht blamieren wollte. Also wiederholte ich «Samaden» während des Packens so lange, bis es in Fleisch und Blut übergegangen war. Gut gerüstet trat ich die vierstündige Reise an, doch noch vor der Ankunft trat die komplette Verwirrung ein: Aus den Lautsprechern des Zugs tönte es: nächster Halt, «Sameden». Nicht «Samaden»? Ach, was sollte ich bloss tun?

Ich wählte die Vorwärtsstrategie. Ein Gymnasiallehrer der Academia Engiadina in Samedan nahm an derselben Exkursion teil wie ich. In einer ruhigen Minute fragte ich ihn, was es auf sich habe. Er schaute mich mit einem wissenden Lächeln an: «Die rätoromanische Bevölkerung spricht Samedan anders aus als die schweizerdeutsche.» Heute weiss ich, dass die Rätoromanen das Dorf «Sameden» und die anderen «Samaden» nennen. Schön, dass die einstudierte Version durchaus stimmt. Da hab’ ich wieder mal Glück gehabt.