You are currently viewing Sainte-Croix: Wo einst Spieluhren tickten, spinnen jetzt die Künstler
Werd ich nach den geheimsten Kultur-Tipps der Schweiz gefragt, schwimmen drei obenauf: der Luginbühl Park (kein Museum), das Kultur Museum (erst recht kein Museum) und «La BAZ/ZAB». Keine Angst, sein Name ist sperriger als der Inhalt. Obwohl …

Eigentlich sollte uns der Hunger ins Restaurant treiben. Stattdessen stehen wir vor einem Industriegebäude, das so tut, als wäre es nie in Betrieb gewesen. Grauer Beton, rostige Türen, Disteln im Asphalt. «Da will ich rein», sagt Jürg. Er hat diesen Blick, den er bekommt, wenn etwas nach Urbex riecht. 

Ständig zieht mich Unbekanntes an.

Urbexen in Sainte-Croix
Wie wir das Gebäude umrunden, bricht Farbe ins Grau. Ein Pferd und ein Drache aus Metall stehen im Gras, Graffiti klettern über den Beton.

Alles wirkt wie eine Einladung, die absichtlich halb versteckt wurde, und doch öffnet sich der Blick auf einen weiten Vorplatz, auf dem früher Lastwagen vorfuhren und der heute eine Gartenlounge mit ausgedienten Skiliftsesseln und einer Feuerschale ist, daneben ein Eingangsbereich mit Industrietüren.

Im Windfang entdecken wir einen mit Kreide geschriebenen Plan: Repair-Kaffee, Schreibgruppe, Spieleabende, Safe Space und vieles mehr. Daneben sind Namen und Aufgaben vermerkt. Uns wird klar, dass wir wohl vor einem autonomen Kulturzentrum stehen.

In seinen Skulpturen lebt Jean Pierre Vaufreys unerschöpfliche Sammlerfantasie.
Eine fantastische Welt haben sich die Künstler erschaffen.

Kulturzentrum La BAZ/ZAB ohne Öffnungszeiten
Wir schieben die Tür auf und stehen in einem Raum, der eher an ein bewohntes Wohnzimmer als an eine Institution erinnert.

Zwischen den Regalen einer Bibliothek thronen Biedermeiersessel, die zum Verweilen einladen, auf einem Stapel liegt «Les sociétés humaines» aus dem Jahr 1965. Es erzählt von verschiedenen Formen des Zusammenlebens.

Hier fühlt man sich sofort willkommen und gleichzeitig wird die Neugier mit jedem Schritt weiter geweckt, denn überall spürt man eine Mischung aus Staub, Aufbruch und der Abwesenheit jener, die hier sonst wirken.

La BAZ/ZAB in Sainte-Croix
Eine bizarr anmutende Marionette ins Schach vertieft.

Der Auftritt von Jean Pierre Vaufrey
Wir hören die Tür zuschlagen und dann erscheint ein Mann, mit Denner-Tasche und ruhigem Blick, und als wir fragen, ob es okay sei, wenn wir uns ein wenig umschauen, führt er uns ohne Umschweife durch das mehrstöckige Gebäude.

Jean-Pierre Vaufrey, geboren im französischen Morteau, lebt seit 1978 in der Schweiz. Der 73-Jährige ist Musiker, Bühnenbildner und Bildhauer.

Er hat mit Grössen wie H. R. Giger, dem Alien-Schöpfer, zusammengearbeitet und in dessen Garten einen Geisterzug gebaut. Davon gibt’s sogar ein Video

Doch das lernen wir alles erst viel später.

Jean Pierre Vaufrey, also nicht der tätowierte ...

Gruslig schöne Schädel
Wir gehen durch schmale Gänge und tauchen in einen Raum ein, der uns Unerwartetes zeigt. Da steht ein Schädel. Und dann noch einer. Hinter einem Regal breitet sich eine ganze Armee aus. Fein säuberlich aufgereiht.

Aus Kleister geformt und glasiert in Pastellfarben. Manche ähneln Lebenden, andere Verstorbenen. Manche Köpfe sitzen richtig, andere andersherum, zu zweit oder zu dritt auf einem Torso.

Diese Miniaturen wirkt zugleich grotesk und zart. «C’est fou», sagt Jürg erstaunt, fast andächtig.

Jean Pierre erzählt, der Künstler, ein Ex-Knasti, habe zeitlebens Mörder porträtiert. Bei unseren Recherchen fanden wir zu diesem Künstler keine öffentlichen Informationen weder auf der Website von «La BAZ/ZAB», die leider nicht mehr aktualisiert wird, noch im Netz.

«Zuviel?», fragt Vaufrey. «Genau richtig», antworte ich.

La BAZ/ZAB in Sainte-Croix
Skurril und anregend

Strukturwandel und Widerstand
Das «La BAZ/ZAB» entdecken wir in Sainte-Croix. Ein Dorf, das nordwestlich von Yverdon-les-Bains auf einem Balkon des ersten Jurazuges liegt. Weiss verputzte Häuser, Kirche und Bahnhof.

Bereits im 18. Jahrhundert war es ein wichtiger Industrieort für den Abbau von Eisenerz, die Spitzenklöppelei und die Uhrenmacherei. Um 1810 begann der Aufstieg zur Welthauptstadt der Spieldosen. Es entstanden mehrere Fabriken, darunter die Manufaktur Reuge 1886. Die Glanzzeiten des Industrieorts verschwanden mit der Wirtschaftskrise in den 1970er Jahren. Während vorher fast 7’000 Personen in Sainte-Croix lebten, sind es heute noch 5068.

Leerstehende Häuser und geschlossene Werkstätten sind Zeugen des Strukturwandels. Einen Hoffnungsschimmer gibt es allerdings auch.

Seit kurzem stagniert die Bevölkerungszahl, weil seit Corona einige Neuankömmlinge frischen Wind ins Dorf bringen: In ehemaligen Lebensmittelgeschäften wird Kunsthandwerk hergestellt und verkauft. Das fügt sich nicht nur gut ins Ortsbild ein, sondern wertet das Angebot für Ortsansässige wie Touristen auf. 

Ein Kleidertausch-Laden, der täglich geöffnet ist.

Die Ausstellung
Vaufrey geht am Stock, er hat sich kürzlich den Fuss gebrochen. Das hindert ihn aber nicht, Stockwerk um Stockwerk in die Höhe zu steigen. Ateliers und Ausstellungsräume reihen sich aneinander. Dann stösst er eine schwere Tür auf. Dahinter stehen, völlig unerwartet, Kampfmaschinen aus Alteisen und Figuren, die aussehen, als wären sie dem Kultfilm Mad Max entlaufen.

Jean Pierre beobachtet uns beim Staunen, zupft da und dort etwas zurecht. Dann hebt er den Deckel einer der Kampfmaschinen an und lässt uns in ihr Inneres blicken. Wir bestaunen die Teile, die klug und kreativ zusammengeschweisst sind.

Erst hier begreifen wir, dass Jean Pierre Vaufrey einer der Gestalter, vielleicht sogar einer der führenden Köpfe hinter dieser Ausstellung ist. «Es ist dein Baby», sage ich mehr zu mir als zu ihm. Er murmelt nur. Ich bilde mir ein, «könnte sein» gehört zu haben.

Er schliesst den Deckel mit Kraft, wissend, dass das Eisen hält – er hat es selbst geschweisst.

Was als Musikclip für seine Band Allucinacorps begonnen hatte, wuchs aus reiner Lust am Basteln, Spielen und Inszenieren zu einem ganzen Film heran. Ein Science-Fiction mit musizierenden Ausserirdischen.

Mad Max meets D-Day

Ein Film für wenige
Der Film namens «Call UFO’s» wurde nur einer kleinen Öffentlichkeit gezeigt. Es ist für unabhängige Filmemacher fast unmöglich, so einen Streifen ins Kino zu bringen, erfahren wir. «Auch weil das Gendre zu spezifisch ist», meint er desillusioniert. Man habe vieles versucht.

Während er spricht, sehe ich die ersten Skizzen vor mir, das Storyboard, die Abende, an denen Metall auf Metall traf, bis eine Maschine stand. Und ich verstehe, dass diese Halle nicht nur eine Ausstellung ist, sondern das Herzstück eines jahrelangen Kreativprozesses war.

«Viele Hände, wenig Geld», sagt er, «und am Ende zu gross, um es im Schrank verschwinden zu lassen.»

Hier kann man durchatmen.

Öffentlicher Raum, der widerwillig gewährt
Wir erfahren, dass dieses Haus für Besucher und Künstler jederzeit offen ist. Darin finden nicht nur künstlerische Projekte, sondern auch Konzerte, Feste und weitere Veranstaltungen statt.

Alles darin erinnert mich an den «PROGR» in Bern. Ein Ort für Kunstschaffende und für Begegnungen mitten in der Altstadt. Ich schätze ihn nicht nur für seine Ausstellungen und Konzerte, sondern auch, weil ich mich dort gerne mit Freunden treffe.

Am Tag nach der Entdeckung führt uns der Weg erneut ins Kulturzentrum La BAZ/ZAB, wo wir bei einem Kaffee weitere Künstler treffen.

Links ist nicht gleich links
Während der «PROGR» im rot-grünen Bern als Kulturbetrieb nicht nur akzeptiert, sondern rege besucht wird, wirkt das «La BAZ/ZAB» in Sainte-Croix wie ein Fremdkörper – obwohl der Ort seit dem 19. Jahrhundert eine linke Hochburg ist.

Damals organisierten sich Fabrikarbeiter, weil der Lohn kaum zum Leben reichte. 1891 wählte sie ihren ersten sozialistischen Bürgermeister, 1902 gingen sie gegen Lohnsenkungen auf die Strasse. Diese Haltung prägt den Ort bis heute.

Als wir unseren Airbnb-Host auf das «La BAZ/ZAB» ansprechen, zieht er, sonst gesprächig, nur die Augenbrauen hoch. Auch die Gemeinde steht dem Kulturbetrieb in der ehemaligen Spielautomatenfabrik Reuge reserviert gegenüber, wie ein Artikel in der «La Liberté» vom 7. Februar 2020 bestätigt.

Das Gebäude gehört heute Jürg Stäubli, laut «Bilanz» 2013 einer der 300 reichsten Schweizer. Nachdem es mehrere Jahre leer stand, besetzte ein Kollektiv die Halle 2019 und etablierte dort ein Kulturzentrum – nicht ohne Wirbel. Inzwischen ist es ruhiger geworden. Die Stromfrage war einst ein Zankapfel, doch heute funktioniert vieles autark, auch die Stromversorgung. Der Status bleibt allerdings heikel.

Kulturzentrum La BAZ/ZAB
Bunt und frech leuchten die Graffiti – doch nur an verborgenen Plätzen.

Unser Staunen
Jean-Pierre Vaufrey verabschiedet sich und geht ins Nebengebäude, um einen Freund zu besuchen. Jürg und ich sehen uns an den Graffiti satt, auch sie Teil von «Status heikel».

Das «La BAZ/ZAB» hat einen eigenen Zauber. Darin sind Kultur, Begegnung und Integration keine Wolkengebilde, sondern Realität. 

Mich berührt die Vielfalt unter einem Dach, vom Kleidertausch bis zur Filmkulisse.

Es ist nicht nur die schiere Grösse, die dies möglich macht, sondern der Wille Einzelner, sich einzubringen, Verantwortung zu übernehmen und eine Kultur des gegenseitigen Respekts zu pflegen. Denn hier gibt es weder Schlösser noch Schliessungszeiten. Nur den Hinweis, «täglich zu jeder angemessenen Stunde geöffnet».

«La BAZ/ZAB» – so sperrig der Name auch klingen mag – bedeutet im Wortsinn Neubauzone (zone à bâtir). Hier ist aus purer Eigeninitiative Neues gewachsen, eine Parallelwelt, in der Fantastisches und Skurriles Raum finden. Eine Welt des Aufbruchs und der Veränderung.

Davon sollte es mehr geben.

Oh happy day

Tipps zu Route, Schlaf und Genuss

E-Bike Touren

  • E-Bike-Route I: Ab Sainte-Croix entlang des Flüsschens La Baumine nach Baulmes. Von dort nach Vuiteboeuf und durch die Gorges de Covatanne (auf Fussgänger:innen achten; bei Betrieb schieben) zurück nach Sainte-Croix.
  • E-Bike-Route II: Am zweiten Tag auf Forstwegen von Sainte-Croix weiter Richtung La Côte-aux-Fées–Les Verrières–Grand Taureau (Grenzregion) und Hauterive-la-Fresse. Übernachtung in La Perdrix
  • E-Bike-Route III: Am dritten Tag wegen des Regens von Hauterive-la-Fresse auf geteerten Strassen Richtung Morteau–Le Locle und dort in das hübsche Kino, wo unsere Kleider trocknen konnten.

Übernachten und Essen

  • Übernachten: «B’n’B Les Replans» in Sainte-Croix, herzlich, schlicht, ausgedehntes Frühstück, Geschichten inklusive.
  • Essen: Restaurant du Centre in Sainte-Croix, Pizza und Schweizer Gerichte, preiswert, authentisch, freundlich.
  • Für Wagemutige: Buffet de la Gare in Sainte-Croix, «Erlebnisrestaurant» weil zweifelhafte Bewertungen, bei uns geschlossen, die Neugier bleibt.
  • Auf der französischen Seite: Auberge La Perdrix in Hauterive-la-Fresse, Fantastisch: Der Chef grilliert das Rindfleisch höchstpersönlich auf dem Holzkohlengrill in der offenen Küche.