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Atelijeri Žitnjak Zagreb: Wer hier Kunst sucht, muss ein wenig genauer hinschauen.

Zwölf Kilometer zeigt Organic Maps an. Mit dem Klappvelo ist das keine Distanz. Nur hat die App den Wind nicht eingeplant.

Ich will zu den «Atelijeri Žitnjak», einem unabhängigen Kulturzentrum am östlichen Rand Zagrebs. Bei meiner Suche nach Orten jenseits der bekannten Museen und Kulturhäuser ist Žitnjak als letzter von fünf Vorschlägen aufgetaucht. Im Industriegebiet, weit draussen. Das klingt gut.

Ich hoffe auf einen Ort, an dem Künstler unkonventionell arbeiten. 

Am Save-Damm beginnt Zagreb, die Perspektive zu wechseln.
Am Save-Damm beginnt Zagreb, die Perspektive zu wechseln.

Auf dem Damm entlang der Save ragen Hände und Beine aus dem Boden, Kunstwerke, die fast beiläufig in der Landschaft stehen.

Für ein paar Kilometer fahre ich auf dem Radweg entlang der mehrspurigen Radnička cesta. Je weiter ich nach Osten komme, desto spröder wird die Umgebung. Dort lösen Gewerbe- und Industriegebäude die Wohnblocks ab. In einer Senke entdecke ich eine wilde Deponie. Ich denke an die Zeitung vom Morgen: Zehntausende demonstrieren in Zagreb gegen illegal entsorgten Abfall. «Keine Kompromisse», titelt das Blatt.

Aber dieser Gegenwind und die Hitze! Sie öffnen meine Poren.

Geschlossen. Dachte ich.
Geschlossen. Dachte ich.

Hinter dem Tor: Atelijeri Žitnjak

In der Strasse Žitnjak kommt mir eine junge Frau entgegen. Irgendwo da vorne müssen die Atelijeri Žitnjak sein. Ich fahre erst einmal daran vorbei. Kein Schild gibt Orientierung. Nur ein hoher Zaun mit einem automatischen Tor schreckt mich etwas ab. Ich umrunde das Gebäude. Efeu rankt um ein Fenster, das von innen verhüllt ist. Nach einem Blick auf die Karte stelle ich fest, dass es doch dieses Haus sein muss. Schliesslich finde ich die Hausnummer halb versteckt im Efeu, direkt daneben eine Videokamera.

Ich mache ein paar Fotos, steige wieder aufs Rad und will gerade losfahren, als sich das Tor öffnet.

Niemand kommt heraus. Keines der parkierten Autos setzt sich in Bewegung.

Mein Kopf ist schneller als mein Verstand. Irgendwo sitzt jemand vor einem Bildschirm, hat mich über die Kamera beobachtet und öffnet nun das Tor, um sein nächstes Opfer hereinzulocken.

Ich folge den Bildern um die Ecke. Der Rest ergibt sich später.
Ich folge den Bildern von Ivana Pegan um die Ecke. Der Rest ergibt sich später.

Ich erinnere mich daran, dass ich ein Kunstatelier suche und nicht den Schauplatz eines Krimis, schiebe mein Velo durch das Tor und gehe aufs Gebäude zu.

Auch die Glastür steht offen.

Im Atrium hängen Fotoarbeiten. Schwarz-weisse Landschaftszenen sind nur angedeutet, darüber liegt Farbe. Mich interessiert das Blau, das dem der Cyanotypie gleicht, einer Fototechnik, bei der Gegenstände auf UV-empfindliches Papier gelegt werden. Die Bilder versetzen mich in einen Zustand der Leichtigkeit, der dem Übergang vom Wachen zum Einschlafen ähnelt.

Irgendwann höre ich ein gleichmässiges Geräusch aus einem Nebenraum. Ich hoffe auf jemanden, der in seinem Atelier mit Eisen arbeitet. Ich gehe hin, öffne die Tür und sehe einen Mann hinter einem Laptop.

Der Thriller in meinem Kopf nimmt nochmals kurz Fahrt auf.

Dean Golja ist für eine Residency nach Žitnjak zurückgekehrt. Kata Mijatović prägt das Kulturzentrum seit vielen Jahren.
Dean Golja ist für eine Residency nach Žitnjak zurückgekehrt. Kata Mijatović prägt das Kulturzentrum seit vielen Jahren.

Der Mann hingegen legt seinen Snack beiseite und sagt: «Hi, come in, welcome.»

So lerne ich Dean Golja kennen.

Dean ist Fotograf und Künstler, lebt in Australien und unterrichtet am LCI Melbourne, einem privaten Institut, das sich auf Kunst und Design spezialisiert hat. Durch seine kroatischen Wurzeln ist er Zagreb verbunden. Diesmal ist er für eine Residency hier. Am 12. September 2026 findet die Vernissage zu seiner Ausstellung mit dem Titel «Korrespondenz» statt.

Er zeigt mir das Haus. Wir treffen auf Kata Mijatović, die das Kulturhaus seit Jahren aktiv mitgestaltet. «In Zagreb ist es wie überall», sagt sie. «Ateliers für Künstler sind rar.» Die Stadt stellte Kunstschaffenden die ehemalige Schule 2003 als Ateliers zur Verfügung. Zwar liege der Ort etwas abgelegen, sagt Kata, aber das gebe auch Freiheiten.

In den ehemaligen Schulzimmern leben und arbeiten heute kroatische Künstlerinnen und Künstler. Daneben gibt es zwei Bereiche für Residencies, einer für einen arrivierten Künstler wie Dean und einen für einen jungen Künstler. Ihn sollte ich später noch kennenlernen.

Man ist glücklich in den Atelijeri Žitnjak. Nur die gelegentlichen Stürme machen Kata zu schaffen, wenn sie wieder einen der alten Bäume aufs Dach werfen und einige Ziegel zerschmettern.

Am nächsten Tag schreibt Dean. Im Kulturzentrum Pogon Jedinstvo finde am Abend eine Performance statt. Er wisse selbst nicht genau, was uns dort erwarte.

Das passt schlecht. Ich habe schon abgemacht.

Mein Gastgeber Rohit lässt sich auf meinen Programmwechsel ein: vom gemeinsamen Drink zur experimentellen Performance «Zakon 180».
Mein Gastgeber Rohit lässt sich auf meinen Programmwechsel ein: vom gemeinsamen Drink zur experimentellen Performance «Zakon 180».

Mein Airbnb-Gastgeber Rohit und ich wollen zusammen etwas trinken gehen. Rohit stammt aus Indien, arbeitet für einen schwedischen Telekommunikationskonzern und lebt nach Berufsstationen in verschiedenen Ländern seit fünf Jahren in Zagreb. Das Zimmer in seiner grossen Wohnung vermietet er, weil er gerne Reisende um sich hat.

Das Zimmer geht zum Garten. Dort wächst ein Feigenbaum, Wäsche hängt an der Leine, Spatzen streiten um Krümel, und eine Katze liegt so beharrlich am selben Platz, dass sie im Gras eine Kuhle bildet. Einmal sitze ich draussen, während über mir das Küchenfenster offen steht und fröhlicher Gesang den Abwasch begleitet.

Ich schreibe Rohit, unser Drink könne auch in einem unabhängigen Kulturzentrum stattfinden.

Er kommt mit.

Tanja Vrvilo treibt «Zakon 180» mit schrillen Bläserklängen voran.
Tanja Vrvilo treibt «Zakon 180» mit schrillen Bläserklängen voran.

Ein Drink im Pogon

Wir fahren mit den Velos zum Pogon und treffen fast gleichzeitig mit Dean und seinem Freund Zoran ein. In der Gartenbeiz sitzen wenig später ein Australier mit kroatischen Wurzeln, ein Zagreber Künstler, ein Inder und eine Schweizerin und unterhalten sich über, nein, nicht Kunst, sondern über Nikola Tesla. Der Erfinder und Elektroingenieur wurde im heutigen Kroatien geboren und ist hier entsprechend präsent. In Zagreb tragen Schulen und Museen seinen Namen.

Ein junger Mann mit langem Haar setzt sich zu uns, der zweite Residency-Künstler. «Hast du gestern gehämmert?», frage ich ihn. «Nein, ich war gar nicht da. Ich habe versucht, frei zu machen, aber mein Kopf war trotzdem immer bei der Arbeit.»

Dann beginnt die Performance.

Der Saal ist ungefähr so gross wie eine Turnhalle, ein in die Jahre gekommener Veranstaltungsraum. In der Mitte bewegt sich eine Frau mit flammend rotem Haar, kurzen Lederhosen und Pumps zwischen Tischinseln. Andere Gestalten geben der Industriekulisse Leben, dazu kommen Gitarrenklänge. Das zahlreiche Publikum setzt sich, schaut, hört zu. Mehr Stühle werden geholt und verteilt, einige Zuschauer bleiben stehen. Irgendwo spricht jemand Englisch ins Mikrofon. Erzählt von Elektroschocks, die Freiwilligen gegeben worden seien. Davon, wie die elektrische Dosis erhöht wurde und dass sich einige dem Verfahren verweigerten.

Dann wechselt die Sprache ins Kroatische. Ich verstehe kein Kroatisch. Ich höre auf, eine Geschichte zu suchen, und gebe mich hin.

Seine Tätowierungen sitzen ausgerechnet dort, wo Haare sie verdecken könnten
Seine Tätowierungen sitzen ausgerechnet dort, wo Haare sie verdecken könnten.

Die Performer bewegen sich mit Kraft durch den Raum. Einer der Männer hat Stirn und Nacken tätowiert, ausgerechnet an Stellen, die verschwinden würden, wenn er seine Haare wachsen liesse.

Stöcke schlagen und trompetenähnliche Instrumente tröten. Über die Wände flackert in einer Endlosschlaufe ein Film mit David-gegen-Goliath-Szenen wie aus einem Kung-Fu-Film. Körper krümmen sich, Arme und Beine geraten in Positionen, die schon beim Zuschauen schmerzen, eine Lore wird scheinbar sinnlos hin und her geschoben, die Stimmen werden eindringlicher, die Geräusche härter, die Bewegungen extremer, bis die Erschöpfung auf der Bühne nicht mehr wie etwas aussieht, das man spielen kann.

Ich habe schon einige experimentelle Performances gesehen. Einen ekstatischen Schlangentanz bei Minusgraden im Schnee an der «Elevation 1049» in Gstaad oder eine Sprech-Bewegungs-Performance im Centre Pompidou in Paris. So etwas habe ich aber noch nie gesehen.

«Zakon 180» heisst die Performance. Das Gesetz Nummer 180 leitet 1978 in Italien eine grundlegende Reform der Psychiatrie ein. Es ist eng mit dem Psychiater Franco Basaglia verbunden und setzt die schrittweise Auflösung der psychiatrischen Anstalten und den Aufbau einer gemeindenahen Versorgung in Gang. Die grundlegende Reform wird weit über Italien hinaus zum Bezugspunkt für den Umbau der Psychiatrie.

Erst später lese ich den Text von Damir Bartol Indoš und Tanja Vrvilo zur Performance und verstehe manches besser. Ein Satz kehrt darin immer wieder zurück: Die Menschen in den psychiatrischen Kliniken konnten nicht hinaus in die Stadt.

Sie können nicht hinaus in die Stadt.

Ich denke an die Körper auf der Bühne, an das Eingeschlossensein, das ich wahrnehme, ohne die Worte dazu zu verstehen. Den theoretischen Unterbau der Performance, die Antipsychiatrie, den Kongress im Londoner Roundhouse von 1967, Ronald D. Laing und David Cooper, lese ich erst später nach.

Rohit hatte mich ein paar Tage zuvor bei 33 Grad zum Baden an den Jarun-See geschickt. Später erwähnt er in seiner Airbnb-Bewertung ausgerechnet die Performance und schreibt, sie sei einzigartig und unvergesslich gewesen.

Er schickt mich an den See, ich ihn zu einer Noise-Performance.

Zagreb abseits der grossen Museen

Atelijeri Žitnjak:
Ateliers, Ausstellungen und Künstlerresidenzen in einer ehemaligen Schule am östlichen Stadtrand. Gerade die Lage im Industriegebiet macht den Besuch interessant. Für aktuelle Veranstaltungen ohnt sich der Blick auf die Facebook-Seite.
Atelijeri Žitnjak, Žitnjak 53, Zagreb

Kulturzentrum Pogon:
Zentrum für unabhängige Kultur in einer ehemaligen Fabrik an der Save. Performances, zeitgenössische Kunst, Tanz und Musik.
Pogon Jedinstvo, Trnjanska struga 34, Zagreb

Klub Močvara:
Im selben Gebäudekomplex befindet sich auch der alternative Klub Močvara mit Konzerten, Bar und Kulturprogramm.