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Challenge accepted: Der Rollkoffer und die Maxi-Handtasche als Rucksack.

Jürg und ich strecken unsere Zehen an die frische Morgenluft. Wir sitzen in einer Wanne mit kristallklarem Wasser, angenehme 38 Grad warm. Jürg möchte Blubber. Ich bin glücklich ohne, geniesse die Stille im Garten des Boutique-Hotels Le Cigogne in St-Ursanne. Der Wellnessbereich liegt im Freien unter einer Laube, die an einen Kreuzgang eines Klosters erinnert. Der grosse Bruder liegt direkt über der Strasse in der Stiftskirche. Wir hören nur die Vögel, die den noch jungen Tag begrüssen.

Mein Handy summt in meiner Bademanteltasche. «Hallo Blanca, dein Fahrrad ist repariert und kann jetzt bei uns abgeholt werden.»

Mein Jubelschrei durchbricht die Stille.

Es ist Freitagmorgen, wir wollten die Laiterie im Dorf besuchen, wo ein dreijähriger Käse von einem Hof aus der Nachbarschaft verkauft wird, wir hatten ihn gestern probiert, er ist eigenständig und vollmundig – dem Appenzeller ähnlich. Wir hätten den digitalen Schlüssel für den Circuit Secret abholen und uns auf die Spuren der Geschichte von St-Ursanne begeben können. Vielleicht hätten wir einen Spaziergang am Doubs gemacht und wären gegen Abend nach Hause gefahren.

Aber eben: Die Pfingsttage stehen vor der Tür und laden zum Biken ein. Also lassen wir das meistbesuchte Städtchen des Juras hinter uns und fahren direkt nach Biberist, um das Bike aus der Werkstatt abzuholen. Sport2go hat ganze Arbeit geleistet. Das Licht brennt, der SmartphoneGrip ist verkabelt und das Wichtigste: Der Akku ist wieder im Unterrohr verschraubt.

Ich schiebe das Bike vor die Schiebetür, dann hole ich mein Gepäck aus dem Laden: Ein Rollkoffer und eine Handtasche so gross, dass ein modernes Büro reinpasst. Wie ich das aufs Bike packen soll, frage ich mich zum x-ten Mal.

Ein Versuch ist es wert: Ich löse den Trageriemen meiner Handtasche. Zusammen mit dem Gurt meiner Jeansjacke könnte sie passen. Sie scheinen die richtige Länge und Form zu haben, um daraus Rucksackgurten für die Rollkoffer zu basteln. Jürg findet beim Detailhändler noch eine übergrosse Tasche, in die meine Handtasche mit Laptop und Kulturbeutel passt. Auch diese streifen wir uns wie einen Rucksack über die Schultern.

Und los geht’s. Der naturbelassenen Emme entlang Richtung Bätterkinden. Im breiten Flussbett sucht sich das Wasser seinen Weg. Obwohl zu dieser Jahreszeit in den Bergen noch Schnee schmilzt, ist der Pegel niedrig, der Fluss gleicht einem Bach, der über melonengrosse Steine plätschert. Die Singletrails und Fahrwege sind menschenleer.

Nicht, dass unsere improvisierten Rucksäcke wirklich bequem gewesen wären: Die Gurten schneiden das Blut ab und es drückt am Rücken. Aber wer will schon bei schönstem Wetter mit dem Zug fahren, wenn er sich ein tolles E-Bike unter den Hintern schnallen kann.

Kleiner Tipp: Von Biberist nach Bern gibt es eine Auswahl wunderschöner Trails. Sie sind technisch einfach und verlangen wenig Kondition. Ideal also für faule Tage, wenn man doch mal raus will. Oder bei unsicherem Wetter. Ab Bern fährt ein RegioExpress nach Solothurn mit Halt in Biberist.
Wegen Dichtestress allerdings im Sommer nicht zu empfehlen. Die Emme ist beliebt zum Spazieren, Bräteln und Baden.