- Zerbrochene Beziehungen im vielleicht ungewöhnlichsten Museum Zagrebs
- Ein falscher Weg, eine Männerbeiz und andere Zufallsfunde
- Mit dem Klappvelo durch Zagreb und mit Interrail weiter
Gefühlt 110 Treppenstufen schleppe ich mein Klappvelo von Zagrebs Unterstadt in die Oberstadt. Oben warten Liebesschlösser und zerbrochene Beziehungen, nur einen Steinwurf voneinander entfernt.
Jürg und ich haben uns getrennt. Drei Monate später stehe ich in Zagreb vor einer zerbrochenen Tonfigur und muss lachen.
Eine Frau aus London hatte die Idee, dass sie und ihr Freund sich gegenseitig in Ton modellieren könnten. Das Resultat war mässig schmeichelhaft. Sie machte ihn rund vier Jahrzehnte älter, er sie einem britischen Komiker ähnlich. Trotzdem fand sie die Figuren perfekt.
Bis beide beim Möbelrücken zu Boden fielen und in Stücke zerbrachen.
Ihr Freund versprach, sie zu reparieren. Als er sich endlich daran machte, klebte er allerdings nur sich selbst wieder zusammen. Kurz darauf verliess er sie.
Nun liegt ihre Figur in Einzelteilen in einer Vitrine des Museum of Broken Relationships in Zagreb. Seine steht daneben. Wieder ganz.
Liebe für immer
Meine erste Reise nach der Trennung ausgerechnet mit diesem Museum zu beginnen, war nicht geplant. Aber wenn es schon eines gibt, muss ich natürlich hin.
Das Museum of Broken Relationships befindet sich in Zagrebs Oberstadt. Um hinzukommen, trage ich mein Klappvelo die Stufen der Ivan-Zakmardi-Treppe hoch. Beim Aussichtspunkt mit den Liebesschlössern bin ich ausser Atem. Dahinter ragen die wegen Bauarbeiten verhüllten Türme der Kathedrale in den Himmel.
Liebe für immer. Ein paar Schritte weiter: Liebe vorbei.
Im Museum stehen Alltagsgegenstände, die nach dem Ende einer Beziehung nutzlos wurden oder im Gegenteil so bedeutungsschwer, dass ihre Besitzer sie nicht mehr haben wollten.
Etwa eine Marienfigur aus Plastik.
1988 lernte eine Frau in Amsterdam einen Peruaner kennen, der mit dem Zug Europa bereiste. Sie trafen sich in einer Disco, begegneten sich wenig später zufällig auf der Strasse wieder und er blieb rund zwei Monate bei ihr.
Dann war er weg.
Er hinterliess einen Abschiedsbrief und eine mit Weihwasser gefüllte Marienfigur, die er eigens aus Peru mitgebracht hatte. In der Hoffnung, eine neue Liebe zu finden.
Romantisch.
Nur hatte die Frau einmal in seine Tasche geschaut. Darin befand sich ein ganzer Plastiksack voller solcher Marienfiguren.
Ich lese weiter. Liebesgeschichten, Familiengeschichten, Verluste. Manche traurig, andere bitter, einige ziemlich komisch. Immer ein Gegenstand, ein paar Sätze. Das reicht erstaunlicherweise, um fremden Menschen sehr nahe zu kommen.
Irgendwann frage ich mich natürlich, was ich hier von Jürg abgeben würde.
Mir fällt nichts ein.
Also gehe ich.
Hinter der Hecke
Mein Klappvelo und ich rollen durch Zagreb. Die Stadt ist angenehm flach, solange man die Oberstadt meidet. Einen richtigen Plan habe ich nicht. Für Zagreb sind drei Nächte gebucht. Danach soll es irgendwann weiter nach Budapest, Bratislava und Wien gehen. Vielleicht mache ich vorher einen Schlenker nach Ljubljana.
Mal sehen.
Auf dem Weg zum Jarun-See, den mir mein Vermieter zum Baden empfohlen hat, dringt Geschnatter hinter einer Hecke hervor. Ich bremse.
Dahinter entdecke ich Krivi Put, zu Deutsch ausgerechnet «falscher Weg» oder «Irrweg». Unter alten Bäumen stehen lange, bunt lackierte Bierbänke. Es sieht aus wie eine studentische Gartenwirtschaft und liegt tatsächlich direkt hinter der Fakultät für Chemieingenieurwesen und Technologie. Wind, Wetter und vermutlich ziemlich viele Hintern haben den Bänken zugesetzt.
Ich stelle das Velo ab und setze mich. Die Hitze liegt über Zagreb, unter den Bäumen lässt es sich aushalten. Um mich herum wird diskutiert, getrunken und gelacht. Ich verstehe kein Wort.
Wunderbar.
Ganz fremd war mir diese Art zu reisen nie. Mit Jürg habe ich ihr einfach öfter nachgegeben: schauen, was hinter einer Hecke steckt. Umkehren, wenn etwas interessant aussieht. Einen Plan verwerfen, weil ein anderer gerade verlockender scheint.
Nur Männer
Dann lande ich in der Markthalle. In den Auslagen liegen Lammviertel, Ochsenschwänze, Herzen, Würste, T-Bone-Steaks und Spareribs. Schweineschwarte gibt es klein geschnitten und knusprig gebraten. Draussen verkaufen Bäuerinnen Gemüse und Früchte aus ihren Gärten.
Kurz zuvor bin ich über einen veganen Markt geschlendert. Kunstleder, Säfte, Baumwolltücher, asiatisches Essen. Nett.
Hier hängt das Tier am Haken.
In einer Ecke entdecke ich eine winzige Kaffeebar. Ich gehe vorbei und schaue hinein.
Nur Männer.
Einige sitzen allein, andere zusammen. Sie trinken Espresso, Bier oder Wein. Es wird geraucht. Für mich ungewohnt: Im EU-Land Kroatien darf in bestimmten Bars noch immer drinnen geraucht werden.
Die Bar liegt in einer Ecke. In meinem Kopf suche ich bereits nach einem Fluchtweg.
Eigentlich würde ich gern hinein.
Mit Jürg wäre ich hineingegangen.
Ich gehe weiter. Das ärgert mich.
Kaum bin ich ein Stück entfernt, kommt mir eine junge Frau entgegen und geht schnurstracks in die Bar.
Ich bleibe stehen, drehe um und gehe ebenfalls hinein.
Der Mann hinter dem Tresen ist vielleicht 35. Er macht mir einen kräftigen Espresso. Ich setze mich zwischen die Männer.
Keiner starrt. Keiner macht eine anzügliche Bemerkung. Niemand scheint sich überhaupt sonderlich dafür zu interessieren, dass jetzt eine Frau zwischen ihnen sitzt.
Die Männer trinken weiter Kaffee, Bier und Wein.
Ich trinke meinen Espresso.
Meine Tipps für Zagreb
Entdecken
Museum of Broken Relationships
Alltagsgegenstände erzählen von Beziehungen, die nicht gehalten haben. Berührend, schräg und viel weniger traurig, als der Name vermuten lässt.
Ćirilometodska ul. 2, Zagreb
Dolac-Markt
Gemüseberge draussen, Fleisch, Würste und Innereien drinnen. Am besten vormittags kommen und danach irgendwo zwischen den Marktständen einen Espresso trinken.
Dolac 9, Zagreb
Kaffee & Bier
Krivi Put
«Irrweg» oder «falscher Weg» lässt sich Krivi Put übersetzen. Das Personal könnte einen Preis im Coolsein gewinnen, sofern es sich zur Preisverleihung bequemen würde. Unter alten Bäumen stehen bunte, verwitterte Bierbänke. Studentisches Publikum, entspannte Stimmung und genau richtig für einen ungeplanten Halt.
Savska Cesta 14, Zagreb
Kaffeebar in der Markthalle
Einer dieser unscheinbaren Orte, an denen ich auf Reisen gerne hängen bleibe.
Dolac 9, Zagreb
Draussen
Jarun-See
Baden, rudern, radeln oder einfach den Zagrebern beim Feierabend zuschauen. Unbedingt bis zum Sonnenuntergang bleiben.
Quartier Jarun
Sava mit dem Velo
Kilometerlange Wege auf dem Damm des 947 km langen Flusses, viel Grün, Kunst im Freien und erstaunlich wenig Betrieb.
Start: Jarun-See Richtung Osten
Bei Hunger einen Abstecher ins Restaurant Pivinca Budweiser, Trg kardinala Franje Šepera 3, Zagreb machen. Wer Fleischgerichte mag, wird auf seine Kosten kommen.
Unterwegs
Klappvelo mitnehmen
Zagreb ist weitgehend flach und die Distanzen sind ideal fürs Velo. Nur in die Oberstadt muss das Klappi gelegentlich getragen werden.
Mit dem Zug anreisen
Wer tagsüber fährt, bekommt schon die Anreise geschenkt: Bodensee, Arlberg, Inntal und Kärnten ziehen am Fenster vorbei. Am besten mit Interrail reisen und die Reise mit Budapest, Bratislava und Wien verbinden. Hast du gewusst, dass Interrails auch für Erwachsene spannend ist? Man kann die Vorzüge der 1. Klasse geniessen und die Reise ganz einfach über das Interrail-App planen.
Interrail









