You are currently viewing Hungrig vor einem Selecta-Automaten

Ich stehe in Spiez auf dem Perron zwei und brauche etwas Power. Da kommt der Selecta-Automat gerade recht. Wie ein Safe mit Schaufenster steht er da. Das wäre mal eine Erfindung: ein Safe mit Panzerglasscheiben, durch die man den Inhalt sehen kann. Es würde die Effizienz der Diebe erhöhen, denn die Gauner könnten sich vor Ort entscheiden, ob sich das Panzerknacken lohnt.

Der Selecta-Safe ist so überfüllt mit Produkten, dass ich mich überhaupt nicht zurecht finde. Also beschliesse ich systematisch vorzugehen und beginne oben links. Hmm, da gibt es Paprika und Nature-Chips. Ich zweifle daran, dass der Kartoffelhauch mein Magengebrüll besänftigen kann. Vielleicht doch lieber etwas Süsses? Schokolade? Ah, da gibt es M&Ms, aber die mag ich lieber im McFlurry oder auf einem Löffel in Kaffee schmelzend. Also doch ein Snickers gegen die Diva in mir? Nein, es macht nur durstig – und die Wasserflasche liegt nicht in meiner Reisetasche, sondern steht gefüllt in meiner Wohnung!

Also geht die Suche weiter. Wie wärs mit getrocknetem Fleisch in den Varianten Sticks, Jerky oder Bifi. Bifi? Ähm …, gabs da nicht dieses Bifidus-Getränk? In kleinen roten Plastikflaschen, die so winzig waren, dass ein Blick genügte, um sie leerzutrinken.

Aber was bitte schön ist das denn? Da lächelt mich ein Affe an, den Mund verzogen, die Augen wie nach einer wilden Party. Statt Pupillen gaffen mich mathematische Zeichen an. Der Affe ist auf eine limettengrüne Verpackung gedruckt, die wie Schokolade aussieht. Das muss eine extra edle Sorte sein. Ich zücke die Karte und will mir die Tafel erstehen. Aber herrje, jetzt sehe ich den Preis! Ich müsste 19 Franken blechen. Na, sag mal!

Ich schaue noch einmal genauer hin. Das ist ja gar kein Powerfood, sondern eine Powerbank. Ah, man kann die Powerbank ausleihen. Für vier Franken, das ist günstig. Aber weshalb der Preis von 19 Franken? Natürlich, das Depot! Aber ich wollte doch Kohlenhydrate – keine Elektrizität. Fürs weitere Suchen bleibt mir keine Zeit, mein Zug fährt ein. So ein Mist, ich hab noch immer nichts zu futtern!

Widerwillig steig ich ein. Kaum sitze ich im Abteil, da ruft die Zugbegleiterin: Bitte alle Tickets ab Spiez vorweisen! Ich entsperre mein Smartphone und suche den digitalen Fahrschein. Ich streichle hin und streichle her, da wird mein Smartphone plötzlich leer! Ich wühle in meiner Tasche nach dem Ladegerät. Meine Finger finden Lippenstift, Tampons und zwei Tickets für ein Festival. Wo ist das verflixte Kabel nur? Wohl neben der Wasserflasche in meiner Wohnung. Nicht auch das noch! Vor mir steht die Zugbegleiterin mit einer hochgezogenen Braue. Hätt ich doch bloss die blöde Powerbank erstanden!