You are currently viewing Der Meisterdieb Arsène Lupin und ich

Ich sitze im Zug von Zürich nach Bern, verschwitzt und eingequetscht. Neben mir macht sich ein Mitte-30er breit, hinauf gekrempelte Baumwollhosen, lässig. Ob er ultrakurze Sneaker-Socken trägt oder seine Füsse nackt in den Schuhen stecken? Ich halte mir vorsorglich mal die Nase zu. Gegenüber eine Frau Typ Bankerin mit dem Laptop auf dem Schoss und neben ihr ein Mann um die sechzig. Genau so stelle ich mir einen Uni-Professor vor. Soll ich ihn fragen? Lieber nicht. Wäre ein bisschen peinlich. Rechts von mir fällt mir eine Frau im Mini-Schottenrock und gebundenen Stiefeln auf; sie wackelt im Rhythmus des Zuges. Hat wohl keinen Sitzplatz mehr gefunden, die Arme, wie viele andere auch. Ich atme noch immer durch den Mund. Ob es was nützt?

Der Sneakers-Mann holt sein Smartphone raus und schaltet es ein. Ich gucke sonst nie. Ehrlich! Er tippt auf die Netflixapp. Ah, ich war schon so lange nicht mehr auf Netflix. Obwohl ich Netflix liebe, vor allem an Sonntagen, wenn es regnet. Wann wird nochmal die neue Lupin-Staffel veröffentlicht? Auf die warte ich schon ewig. Mein Smartphone liegt wieder einmal leer und nutzlos in der Tasche. Keine Chance, Dr. Google zu fragen und meine Neugierde zu stillen.

Mein Hals fängt an zu schmerzen, weil er langsam austrocknet. Aber das ist mir grad egal, ich halte die Nase weiter zu, ist besser so. Ich kann nur noch an Lupin denken. Vielleicht ist die zweite Staffel längst erschienen und ich habe es bloss nicht bemerkt. Das wäre ein Katzenjammer. Denn Lupin darf ich unmöglich verpassen! Meinen Ganovenhelden, meinen Pariser Robin Hood: Arsène Lupin oder Assane Diop oder umgekehrt. Er führt alle, aber auch wirklich alle an der Nase herum. Naja, seine Ex-Freundin vielleicht nicht, aber sonst wirklich alle, vor allem die Polizei. Sein Katz- und Mausspiel mit den Flics erinnert mich ein wenig an die Unfassbaren, nur viiiel besser, witziger. So etwas von unterhaltsam. Nach einer langen Bergtour, wenn ich nudelfertig in den Seilen hänge, mach ich es mir auf meinem Fernsehsessel namens Oskar bequem. Ein Ikea-Glas gefüllt mit kaltem Minzentee neben mir, Assane Diop auf dem Bildschirm und ich bin glücklich. Dann könnte ich Omar Sy alias Assane Diop alias Arsène Lupin stundenlang zusehen, und tue es bisweilen auch. Ich mag Omar Sy sowieso total, schon in «Ziemlich beste Freunde» (2011) fand ich ihn umwerfend. Oh, oh, da ist ja sein Gesicht. Omar Sy! Hey, Sneaker Man! Stopp. Nicht weiter scrollen, da ist Omar Sy. Vielleicht ist es der neue Lupin!
Halt!
«Was ist?» Der Sneaker Man schaut mich an, als hätte ich geschrien. Hab ich das?
«Was ist?», fragt er nochmals.
«Oh, ist das Omar Sy?»
«Sorry, ich verstehe Sie nicht! Können Sie mal die Finger von der Nase nehmen?»