You are currently viewing Das meergrüne Kleid vor den Toren des Klassikhimmels

Es gibt Kleider, die kauft man nicht zum Anziehen. Natürlich weiss man das beim Kauf noch nicht. Man bemerkt es erst, wenn es Sommer, Herbst und Winter wird und das Kleid noch immer am selben Kleiderbügel hängt. Ich habe so ein Kleid. Meergrün mit Satinglanz.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich durch die Gänge flanierte und die neue Kollektion im Kleidertgeschäft betrachtete. Blau- und Grüntöne, klare Schnitte, hüftbetont, Naturfasern, genau mein Ding. Ich kam etwas in Fahrt. Legte Hosen in allen erdenklichen Farbenuancen und Mustern auf meinen Unterarm. Darüber stapelte ich kühn geschnittene T-Shirts und Blusen. Alles zum Anprobieren. Die Schlange vor den Umkleidekabinen war wie immer lang. Also zögerte ich, mich anzustellen und streifte weiter durch das Kleiderlabyrinth. Oh, da schimmerte ein Kleid erhaben zwischen einem Abendkleid und einem Hosenanzug durch. Die Farbe zog mich in Meerestiefen, umstrickte und umgarnte mich. Ich befühlte den Satin, nahm das Kleid von der Stange und legte es an meinen Körper. In diesem Moment flüsterte es, probier’ mich an. Etwas verwundert zwar, gehorchte ich, legte es auf den Arm und stand in die Schlange.

Zu welchem Anlass es wohl passen würde? Gesellschaftsabend des Alpenclubs – overdressed. Weihnachtsessen des Frauen-Service-Clubs – einengend. Elternabend der Grundschule – auffallend. Bauernolympiade – ausfallend. Ach, weshalb wollten mir bloss kein passender Anlass einfallen. Ich scrollte durch meinen Kalender und stiess endlich auf einen Hoffnungsschimmer: die Eröffnung des Klassikfestivals. Ja, das wars! Die Legitimation dieses Kleid anzuprobieren und den Kauf in Betracht zu ziehen. Das Kleid passte wie angegossen!

Der grosse Klassikabend kam näher. Ich schlüpfte ins Kleid, in die Riemchenschuhe mit Bleistiftabsätzen, ein edles Damenetui dazu und machte mich auf den Weg. Ich stieg so ins Auto, wie es die weiblichen Stars auf dem roten Teppich tun. Beim Aussteigen dasselbe Prozedere und danach ein kurzer Spaziergang zum Aufführungsort. Auf der Treppe zum Konzertsaal dann das Malheur: Ich machte einen Misstritt. Meine Bänder, das versichere ich, blieben unversehrt. Aber ein Schuhriemchen riss. Unmöglich, es zu reparieren, stand ich barfuss vor dem Portal in den Klassikhimmel und traute mich nicht mehr rein. 

Seither gab es keine Gelegenheit mehr, mein meergrünes Kleid zu tragen. Aber bestimmt schon bald, in zehn oder zwanzig Jahren, wird es mich bei einem Glanzmoment bekleiden. Dann werde ich das Malheur elegant umschiffen. Werde flache Schuhe wählen – am besten lederne Wanderschuhe – und ich werde mich grossartig fühlen.